Kurt Tucholsky in Friedenau und an anderen Orten

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Die einfach gehaltene, charakteristisch rote, schulheftgroße Zeitschrift wurde von den nationalsozialistischen Machthabern infolge des Reichstagsbrands in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 verboten. Frank Flechtmann schreibt, dass in der Zeitschrift „Die neue Literatur“ zufrieden festgestellt wurde: „Die schlimmsten Giftküchen, wie die ,Weltbühne‘, sind geschlossen.“

In diesem Zusammenhang wurde auch Carl von Ossietzky verhaftet, der als ausgesprochen guter Schreiber galt. Seit 1927 war er als Herausgeber für die „Weltbühne“ tätig. Er hatte mit seiner Familie zur Untermiete in möblierten Wohnungen an verschiedenen Adressen – in Friedenau in der Laubacher Straße und der Wilhelmstraße – ohne Namensschild gewohnt. Nachdem schließlich in einer neuen Wohnung der Familienname angebracht war, erfolgte der Zugriff wenige Tage vor dem Verbot der „Weltbühne“. Carl von Ossietzky hatte 1936 entgegen der nationalsozialistischen Einflussnahme aufgrund einer weltweiten Kampagne vieler bedeutender Schriftsteller rückwirkend für 1935 sogar den Friedensnobelpreis erhalten, obwohl der preußische Ministerpräsident Hermann Göring ihn zur Ablehnung aufgefordert hatte. Allerdings wurde es ihm nicht gestattet, den Preis persönlich entgegenzunehmen. Zu dem Zeitpunkt war er aufgrund seiner KZ-Inhaftierungen schon stark gezeichnet.

Insbesondere beschäftigte der noch immer bekannte, 1931 in der „Weltbühne“ erschienene Satz „Soldaten sind Mörder“ im Artikel „Der bewachte Kriegsschauplatz“ unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel die Herausgeber. Er wurde Gegenstand einer Gerichtsverhandlung, da die Reichswehrführung Anzeige erstattet hatte. Ossietzky hatte sich als Herausgeber für Tucholsky zu verteidigen. Am 1. Juli 1932 wurde er allerdings freigesprochen. Zu dem Zeitpunkt lebte Tucholsky bereits in Schweden. 1933 wurde ihm aufgrund von Friedensaktivitäten die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Seit 1931 schrieb er gar nicht mehr.

Die letzte Ausgabe der 1933 verbotenen „Weltbühne“, die Nummer 11, die vernichtet werden musste, aber glücklicherweise in einem Nachlass erhalten blieb, konnte vor zehn Jahren, 2003, als Sonderdruck im Verlag Ossietzky zum zweiten Mal erscheinen. Darin sind u. a. Beiträge von Erich Kästner und Rudolf Arnheim zu lesen. Unser Leser Frank Flechtmann erlaubte uns dankenswerterweise, aus seiner Einführung zu diesem Nachdruck zu zitieren. Er erforscht und publiziert Themen der Literatur- und Zeitgeschichte und stellt darin die Ereignisse mit weiteren Einzelheiten in den Gesamtzusammenhang jener Zeit.

Er schrieb: „Dieses Heft erscheint am 70. Jahrestag seines Nichterscheinens – angeregt durch Annette Jacobsohn, die in den USA lebende Schwiegertochter Siegfried Jacobsohns. Es durfte am 14. März 1933 nicht ausgeliefert werden, denn „Die Weltbühne“ war in Berlin am Tage zuvor (laut einer Beilage der damaligen „Wiener Weltbühne“, Heft 12 vom 23. März) „auf sechs Monate verboten“ worden. Daher mußten in der Potsdamer Druckerei Stein die bereits hergestellten Exemplare der Nummer 11 vernichtet werden.

Der damalige Chefredakteur Walter Karsch (1906–1975) bewahrte jedoch die Druckfahnen mit seinen Korrekturen auf. Sie liegen in seinem Nachlaß in der Staatsbibliothek Berlin. Im März 1996 wurden sie erstmals veröffentlicht. Dabei blieben die ersten Seiten, auf denen sonst immer kurz vor Druckbeginn ein aktueller Leitartikel eingefügt wurde, frei; in den Korrekturabzügen ist kein Leitartikel enthalten.

Der wohl letzte Überlebende aus dem „Weltbühne“-Kreis der Weimarer Republik, Rudolf Arnheim, geb. 1904 [verstorben 2007; Anm. km], erinnerte sich 1996, als er in seinem Exil in Michigan den Reprint von Heft 11 endlich in Händen hielt: „Sonnabends fuhren wir immer nach Potsdam in die Steinsche Druckerei, um die Umbruchseiten zu korrigieren. Und da verfügte sich Oss [so wurde Carl von Ossietzky gerne genannt; Anm. km] dann in das kleine Café unten

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