Kurt Tucholsky in Friedenau und an anderen Orten

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und schrieb mit einem Bleistiftstummel den aktuellen Auftakt seines Leitartikels. An dem letzten Sonnabend hatten die Banditen ihn schon entführt.“ […]

Hier sei zur Einführung die politische Lage im März 1933 kurz beleuchtet.

Die Wochenschrift „Die Weltbühne“, 1905 als „Die Schaubühne“ begründet von Siegfried Jacobsohn (gest. 1926), erschien 1933 im 29. Jahrgang mit zehn Heften. Die ersten hatte Carl von Ossietzky („Oss“) noch selbst redigieren können. Das Impressum nennt als „verantwortlich“ schon ab Heft 1/1933 Walter Karsch. […]

Walter Karsch, der spätere Theaterkritiker und Mitherausgeber der Berliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“, mußte Carl von Ossietzky als Chefredakteur ersetzen, als dieser in der Nacht des Reichstagsbrandes abgeholt wurde. Es war der Beginn einer Internierung an mehreren Orten, darunter im KZ Esterwegen, die 1938 zu seinem Tode führte.

Die Leitartikel hatte Ossietzky wie schon sein Vorgänger Jacobsohn meist in Potsdam, im Café Rabien nahe der Druckerei Stein, geschrieben oder überarbeitet. Doch „nach den Ereignissen des 27. Februar wurde eine Reihe von Persönlichkeiten verhaftet, unter denen sich auch der Herausgeber unseres Blattes, Carl von Ossietzky, befindet“, wie die Redaktion in einer Antwort „An unsre Leser“ auf der letzten Seite von Heft 10 mitteilte. Über die Bedeutung der Wahl vom 5. März und die Zukunft der Republik heißt es dort: „mit ihnen beginnt ein neuer Abschnitt dieser Geschichte“. Eine Analyse der Wahl konnte für Heft 10 nicht mehr fertiggestellt werden, sie sollte daher in Heft 11 folgen. […]

Doch dann erschienen, wie Walter Karsch nach 1945 berichtete, in der Redaktion der „Weltbühne“, Kantstraße 152 in Berlin-Charlottenburg, zwei Herren in Zivil und forderten ihn auf, seinen Platz zu räumen. Die Drucker in Potsdam erinnerten sich, daß die Stehsätze eingeschmolzen werden mußten; „eine Menge der roten Hefte“ habe zerschnitten werden müssen – ebenso wie die gerade hergestellten Kinderbücher von Kästner und Lofting aus dem Verlag Williams & Co., der ebenfalls Jacobsohns Witwe Edith gehörte. […]

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